Offener Brief an den Profifussball

Lieber Profifussball,

Es war schön mit dir. Wir haben viel erlebt zusammen. Auch schöne Länderkämpfe hast du geboten, an Orten wo du geliebt wurdest und nach wie vor wirst.

Aber es wird schwierig mit dir. Reiche Menschen entscheiden, wo der Ball rollt und wer dich dominiert. Sponsorenverträge sind normal, auf allen Stufen. Doch sie genügen dir offenbar nicht mehr.

Es werden Vereinsanteile veräussert, ohne mit der Wimper zu zucken, traditionsreiche Stadion- und Vereinsnamen verhökert, und das Schlimmste: Wegen dir wird gelogen und betrogen, ohne das sich nur das geringste ändert und jemals ändern wird.

Du bist zu mächtig geworden. Warum ist das bloss nicht mit dem Scheissvolleyball passiert? Dann hätten wir dich noch, wie du einmal warst.

Deshalb ist es spätestens heute allerhöchste Eisenbahn, dir den Rücken zu kehren. Denn es gibt noch Orte, wo du noch authentisch bist: Im unterklassigen Amateurbereich.

Dort gehen fortan alle hin, die den Fussball wirklich lieben und nicht die Show oder das Profigedöns. Es geht ganz einfach: Glotze aus, Stadion an. In jedem Dorf steht eins, direkt vor der Haustür.

Ich werde dich nicht vermissen.

Reto

re:publica 15: Ein kleiner Rückblick

Für mich als re:publica-Neuling waren die drei Tage ein Erlebnis. Sie sind von der ersten Session morgens um 10 bis zur letzten gegen acht Uhr abends wie im Flug vergangen. Gespräche mit anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern waren genauso inspirierend, wie die Keynotes selbst. Ich habe mich bei der Auswahl der Sessions schwergetan – zu viele interessante Themen wurden gleichzeitig behandelt. Deshalb versuchte ich mich auf Journalismus und Community, gewürzt mit etwas Netzpolitik, zu konzentrieren.

Hier meine bisher veröffentlichten Artikel in der Übersicht:

Communityfinanzierter Journalismus: 4 Beispiele aus der Praxis

Je ein Vertreter von Netzpolitik, Missy-Magazin, Krautreporter und der TAZ hat erklärt, wie ihre Arbeit von den Leserinnen und Lesern finanziert wird. Zuerst das Wichtigste – das Geld:

  • Netzpolitik: Erhielt Spenden in Höhe von 180’000 Euro, dazu kommen 70’000 Euro aus Werbung, Gastauftritten etc. Das finanziert fünf bezahlte Vollzeitstellen, über 100 Autoren schreiben ehrenamtlich.
  • Missy-Magazin: Startete ein Crowdfunding-Projekt zur Überarbeitung der eigenen Website. Vom Kampagnenziel 35’000 Euro wurde mit 19’000 rund die Hälfte erreicht.
  • Krautreporter: Mitgliedersystem. Aus der ersten Crowdfunding-Kampagne konnten rund 15’000 zahlende Mitglieder gewonnen werden. Seither kamen nochmals 3000 dazu. Im Sommer stehen Aboverlängerungen an.
  • TAZ: Wird hauptsächlich durch Mitglieder der eigenen Genossenschaft finanziert, das sind 15’000 Menschen. Über das freiwillige Bezahlsystem auf der Website können pro Monat ca. 20’000 Euro generiert werden.

Die vier Plattformen verfolgen allerdings unterschiedliche Ansätze beim Geldverdienen. Während sich Missy-Magazin ein einzelnes Projekt finanzieren lässt, setzen die drei anderen auf kontinuierliche Bezahlung. Dabei bieten die Krautreporter als einzige einen Mehrwert, wenn Leser bezahlen – Community-Funktionen. Bei der TAZ und Netzpolitik ist die Bindung zu den Leserinnen und Lesern ideologisch bzw. Themen – und Interessengebunden. Sie zahlen in erster Linie nicht, um die Artikel zu lesen, sondern um die weitere Existenz des Titels zu sichern.

Nachfolgend die wichtigsten Aussagen der Protagonisten:

«Crowdfundig ist wie eine Anzeige die Querfinanzierung von Journalismus.»
(Stefanie Lohaus, Chefredakteurin Missy-Magazin)

«Wir schreiben, weil wir für das Thema brennen. Alle Inhalte sind frei und werden es auch bleiben. Leserinnen und Leser belohnen journalistische Arbeit nur, wenn sie das Engagement schätzen.»
(André Meister, Netzpoliitk)

«Wir müssen wieder das Bewusstsein schaffen, dass unabhängiger Journalismus wichtig ist für die Demokratie. Aber bei Crowdfunding ist die Notwendigkeit der Knackpunkt. Wenn ein Verlagshaus, das schwarze Zahlen schreibt, um Spenden bittet, wirds schwierig»
Ines Pohl, Chefredakteurin TAZ

«Die meisten Verlage kennen ihre Leser und ihre Interessen nicht. Wenn wir eine wissenschaftliche Story machen wollen und überfordert sind, können wir 300 Experten aus unserem Mitgliederstamm anschreiben und uns helfen lassen.»
Sebastian Esser, Krautreporter

Anne Wizorek, Bildcredit: Twitter

Anne Wizorek: «Unsere Onlinekultur ist kaputt»

Die Feministin und Erfinderin des Hashtags #Aufschrei, Anne Wizorek, sprach zum Thema Meinungsfreiheit im Netz. Ihre wichtigsten Aussagen in Kürze dokumentiert:

1. Es ist nicht alles so doll, wie es scheint!

2. Es darf nicht sein, dass beleidigende Äusserungen mit Meinungsfreiheit entschuldigt werden können!

comic

3. Wir müssen differenzieren und erklären!

Es gibt Trolls und Trolls. Anne Wizorek empfiehlt den Blogeintrag von Frau Dingens.

4. Verharmlosen ist gefährlich!

5. Rechtsordnung ist nicht auf die digitale Welt ausgelegt!

6. Bestimmte Medienhäuser tragen eine Mitschuld an der Netzkultur!

7. Wir können offline und online nicht länger trennen!

8. Es muss sich etwas ändern!

https://twitter.com/RobinASchwarz/status/596230895591399424

Der «digitale Journalismus» und seine Tücken

In Deutschland untersuchten die Medienwissenschaftler Stephan Weichert (Hamburg Media School), Leif Kramp (Uni Bremen) und Annika Sehl (TU Dortmund) den digitalen Journalismus. Sie veröffentlichten in Zusammenarbeit mit ihren Kollegen zwei Studien:

  1. Digitaler Journalismus – Dynamik, Teilhabe, Technik
  2. Die Zeitungsmacher – Aufbruch in die digitale Moderne

Sie präsentierten die Ergebnisse ihrer Studien unter dem Titel «Vom Innovationsgeist zur Aufbruchstimmung». Von Letzterem war allerdings wenig zu merken, sie schrieben es schliesslich auch nur in den Titel, um das Wort «Krise» zu vermeiden.

Kurz Zusammengefasst sehen die Profs, dass der digitale Journalismus durchaus Potential hat. Nicht ganz neu –freundlich ausgedrückt – ist ihre Erkenntnis, wo dieses verortet ist:

  • Publikumsteilhabe
  • Storytelling
  • Quellennennung und Transparenz
  • Data Scraping
  • Innovative Vertriebswege

Weil das wie erwähnt allgemein bekannt ist, gingen die Redner stärker auf seine Probleme ein (die des digitalen Journalismus).

  • Dialog mit dem Publikum ist in vielen Redaktionen unterentwickelt
  • Viele Journalisten nehmen ihre Kommunikationsaufgabe nicht an
  • Umgang mit Störern und Trollen gilt als Problem
  • Wenig Konsens beim Umgang mit Kommentaren (Klarname/Nickname, freier Zugang/Registrierungspflicht, etc.)
  • Kein plattformübergreifendes Denken und Arbeiten

Kramp, Sehl und Weichert formulierten deshalb fünf Forderungen Empfehlungen aus, die sich weniger an Journalisten selbst, sondern vielmehr an die Medienhäuser richten:

  • Systematische (d.h. überprüfbare) Weiterbildungsangebote für die Redaktionen installieren
  • Neue journalistische Berufsfelder (Moderator, Blogger, Kurator, Community Manager) antizipieren und integrieren
  • Innovationsfreundliches Arbeitsklima schaffen – Co-Creating, Projektbudgets etc.
  • Journalisten und Redaktoren in Unternehmensstrategie miteinbeziehen und teilhaben lassen
  • Mit Hochschulen und Instituten kooperieren

Die 7 grossen Hypes im Journalismus

Hakan Tanriverdi, freier Technikjournalist, Ole Reissmann von Spiegel Online und Jannis Kucharz von Netzfeuilleton fassten die sieben grossen Hypes zusammen, die derzeit in der Medienbranche rumgeistern und den Journalismus verändern wollen.

  1. Hype: Inhalte auf Facebook. Verlage müssen ihre Artikel direkt auf Facebook posten, um bessere Reichweiten zu erzielen. Stimmt, aber läuft dem Geschäftsmodell zuwider, Abos (auch digitale) zu verkaufen. Wer von Native Advertising lebt oder nicht auf Aboeinnahmen angewiesen ist, kann die Reichweitensteigerung auf Facebook dagegen ausnützen.
  2. Hype: Geld von Google nehmen. Solange sich an der Berichterstattung nichts ändert, ist es okay, Geld von Google zu nehmen. Genannt wurde «Le Figaro», die rund eine Million Euro erhalten haben, um ihre Abonnenten besser zu bewirtschaften. Weil viele Verlage keine intelligenten Anzeigensysteme haben, ist eine Kooperation mit Google unausweichlich.
  3. Hype: Live-Streaming. Man sollte sich nicht zuerst fragen, wann es rechtlich erlaubt bzw. verboten ist, Live-Streaming zu machen. Viel wichtiger ist die Frage: Wann macht es Sinn und wann nicht? Gut geeignet ist es beispielsweise, um bei einem Test der Apple Watch Fragen des Publikums direkt einzubeziehen.
  4. Hype: Interaktive Infografiken. Sie sehen zwar schön aus, aber der Aufwand rechtfertigt sich nur selten. «Nach 16 Wochen Arbeit klickt der Nutzer drauf, schaut ein Video und sagt danke und auf Wiedersehen». Schön aussehen reicht nicht, es muss für die Nutzer auch praktikabel zu lesen und anzusehen sein.
  5. Hype: Apple Watch. Die Software hat offenbar noch Kinderkrankheiten. Bei solchen Entwicklungen darf man ruhig auch zugeben, dass sie niemand kennt. Es ist nur wichtig, frühzeitig dabei zu sein, zu lernen und auszuprobieren. Auch hier gilt: Der Nutzer muss im Vordergrund stehen, nicht alle Storys lassen sich auf der Apple Watch erzählen.
  6. Hype: WhatsApp. Es gibt Beispiele, wo die direkte Kommunikation mit dem Nutzer gut funktioniert hat. Beispielsweise in der ZDF-Show zum Thema Schlüpfen. User konnten nach der Sendung via WhatsApp weiterverfolgen, was passierte. Verlage müssen die passenden Use-Cases suchen und WhatsApp nur dann nutzen.
  7. Hype: Snapchat. Für die USA mag stimmen, dass Snapchat zurecht ein Hype ist. CNN erreicht über diesen Kanal eine Million User täglich. Aber in Europa und sicher auch in der Schweiz ist das bei Weitem nicht der Fall. Ohne Deal mit Snapchat, bei dem Verlage alle Inhalte Snapchat in die Hand geben, läuft sowieso nix.

Die drei Redner betonten oft, dass es keine Schande ist, eine Entwicklung nicht richtig einzuschätzen. «Man kann nicht alles wissen und sollte sich manchmal besser auf die Gegenwart konzentrieren. Da gibts schliesslich genügend Probleme zu lösen. In diesem Sinne:

¯\_(ツ)_/¯

YouTube ist tot, lang lebe YouTube

Google hat YouTube kaputtgemacht, so die These von Medienwissenschaftler Bertram Gugel. Einerseits wurden die Community-Funktionen auf Google+ ausgelagert, andererseits honoriert die Plattform durch ihren Algorithmus, wenn Kanäle feste Sendeplätze einrichten.

Internetaffine Menschen mögen beides nicht.

Darüber hinaus ist YouTube nicht mehr dazu geeignet, um richtig viel Geld zu verdienen. Laut Gugel belaufen sich die Tausenderkontaktpreise (TKP) zwischen 1,20 Dollar im schlechtesten und 6,50 Dollar im besten Fall.

«YouTube ist nicht zuletzt eine Desktop-Firma», sagte Bertram Gugel. Menschen können mit ihren Smartphones nicht nur konsumieren, sondern auch produzieren. Darauf ist YouTube nicht ausgerichtet.

Facebook löst YouTube ab

Weil höchstens Vlogs, Gamingvideos und How-Tos auf YouTube funktionieren würden, etablierten sich andere Plattformen, sagte Gugel. Als Beispiele nannte er Twitch (Gaming), Mixbit (Community), Vimeo (Hohe Qualität), Periscope und Meerkat (Livestreams).

Und Facebook.

Punkto Reichweite hat Facebook den (ehemaligen) Platzhirschen YouTube auf mobilen Geräten abgelöst. Das bedeutet, dass User andere Plattformen nutzen müssen, um entweder die Videos direkt zu hosten bzw. streamen oder auf YouTube zu verlinken.

Wer hat gewonnen oder verloren? Ist YouTube quasi tot? Nein, sagte Gugel, «MySpace gibts ja auch noch». So weit würde ich zwar heute noch nicht gehen, aber wenn sich die Plattform nicht dramatisch verändert, wird sie noch weiter an Boden verlieren.

«YouTube-Stars» ohne Erfolgsrezept

Die Paneldiskussion mit YouTubern, die mit ihren Videos Geld verdienen, konnte das Bild, das Betram Gugel zuvor vermittelte, nicht mehr wirklich retten. Weder Marie Meimberg noch Nicolas Lindken – besser bekannt als Tense – hatten ein Erfolgsrezept parat, obwohl sie beide davon leben können.

Hier trotzdem der Versuch, ihre fünf wichtigsten Punkte zusammenzufassen:

  • Sich nicht fragen, was will ich erzählen, sondern was will das Publikum sehen
  • Nicht alle Botschaften funktionieren auf allen Kanälen, deshalb YouTube bewusster einsetzen
  • Videos müssen emotional sein: unterhaltsam, witzig, berührend. Nutzer mit dem Herzen erreichen und nicht mit der Ratio
  • Zielpublikum muss sich in den Videos wiederfinden, so ist die Chance höher, dass sie teilen
  • Wirklich gute Ideen sollte man verkaufen und nicht selbst machen, da ist der Ertrag höher und der Aufwand geringer

Kurz zusammengefasst: YouTube ist eigentlich tot, andere Plattformen decken die Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer viel besser ab. Aber ganz ohne gehts dann halt doch nicht.