Vergesst die Smartwatch! (Oder so.)

Es freut mich immer, wenn Start-Up-Unternehmen Ideen haben. Noch mehr freut es mich, wenn es sich dabei um gute Ideen handelt.

Einigermassen gespannt habe ich also eine Postwurfsendung der Firma Burrband geöffnet – schliesslich steht in ihrem Logo «The Smart Wrist». Nümme nüt.

Nach dem Auspacken musste ich feststellen, dass das Burrband vieles ist. Zum Beispiel grau. Oder gross. Und mit einem überdimensionierten Klettklebeband versehen.

Aber eines ist es ganz sicher nicht: Smart.

Im Gegenteil. Das Konzept (und die einzige Funktion) des Burrbands ist es, sein Smartphone daran festzukletten, damit man es, äh, ja, am Handgelenk tragen kann.

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Der Beweis: Das Burrband gibts tatsächlich.

Die Begründungen, warum jeder Mensch dieses «Smart Wrist» doch braucht, stehen in der mit verschickten Pressemitteilung. Sie sind grossartigstmöglich (und leider alle ernstgemeint):

  • Es braucht keine Smartwatches mehr!
  • Es braucht keine Hosentaschen mehr!
  • Die Hand, die vorher das Smartphone hielt, ist jetzt frei!
  • Eine Hülle wird überflüssig, weil das Gerät meistens (sic!) am Arm sitzt!
  • Das Smartphone kann wie ein Schmuckstück an Arm getragen werden!

Krass. Echt jetzt. Ein 18-fränkiges Schweissband (plus 5 Franken Versandkosten) macht alle Smartwatches überflüssig, weil man sich sein Smartphone ans Handgelenk schnallt. Und alle so:

Medial ausgenutzter Rassismus

Der Blick am Abend erreicht auf Facebook fast 80’000 Menschen. Für Schweizer Verhältnisse ist das eine riesige Community. Jedes Medium trägt für seine Publikationen eine Verantwortung, egal auf welchem Kanal.

Im Unterschied zu einer gedruckten Zeitung dürfen sich auf den sozialen Medien die Leserinnen und Leser einbringen. Richtig gemacht, ist das für ein Medium enorm spannend und befruchtend.

Beim Blick am Abend ist das pure Gegenteil der Fall. Auf dem Rücken von zahlreichen Flüchtlingen versucht das Gratisblatt seine Reichweite zu steigern, indem es überspitzte Texte veröffentlicht und diese auf Facebook bewirbt.

Die zuständigen Community Manager wissen haargenau, was sie damit provozieren. Sie können es Tag für Tag lesen: Abscheuliche, hasserfüllte, rassistische Kommentare. Das ist das eine.

Das andere ist die demonstrative Abwesenheit in den Kommentarspalten, und die damit fehlende Moderation/Löschung von Inhalten, die persönlichkeitsverletzend und gesetzeswidrig sind. Seht selbst:
  
  
  
  
Das sind nur neun, innert fünf Minuten zusammenkopierte Kommentare. Es gibt hunderte davon. Gefühlt 90 Prozent der Kommentierenden denken so. Die wenigen Gegenstimmen werden niedergebrüllt.

Es dominiert ein einziges Argument: «Dann nimm doch du die Flüchtlinge auf.» Das wäre, wie wenn alle BefürworterInnen der Homo-Ehe schwul oder lesbisch werden müssten …

Ich frage mich wirklich, woher der Hass dieser Menschen gegen die ärmsten der Armen kommt. Ist es Angst? Unsicherheit? Unzufriedenheit mit der eigenen Situation? Und warum wählen sie rechts, wenn doch die Linke darauf hinarbeitet, die Ungerechtigkeit in unserem Land zu beenden?

Es macht mich ratlos, wütend und traurig. Traurig, dass viele Menschen in unserem Land so denken. Traurig, dass sich so wenige dagegen wehren. Und traurig, dass Medien wie der Blick am Abend dieses Thema für eigene Zwecke ausnutzen und sich ihrer Verantwortung nicht stellen.

Social Media als Teil der Unternehmensstrategie

Die Goldbach Group führt von Zeit zu Zeit kostenlose Seminare durch. Ich nutzte die Gelegenheit, um mich zum Thema «Community Management – ein Dialog mit der Zukunft» upzudaten. Der Besuch hat sich gelohnt – hier die sieben wichtigsten Punkte:

  1. Zahlen, Zahlen, Zahlen

    Es ist eine Realität: Schweizerinnen und Schweizer nutzen Social Media. Statistisch unbekannt ist nur, wie aktiv sie das tun. Gemeinhin wird angenommen, dass ein Login pro Monat genügt, um als aktiver Nutzer zu gelten. Wichtigster Kanal ist und bleibt Facebook. Trotz negativen Faktoren (weniger Junge, viel Werbung).

  2. Content und Bewirtschaftung
    Wer nichts zu erzählen hat oder wem die Zeit fehlt, lässt es besser bleiben. Ist beides vorhanden, wählt beim Storytelling einen unterhaltsamen oder emotionalen Ansatz. Immer gut: Auf aktuelle Ereignisse (wie z.B. Sport) eingehen und darauf Bezug nehmen. Und vergesst starke Bilder und kurze Videos nicht.
  3. Dialog statt Monolog
    Nur die eigenen Botschaften auszusenden, ist einer der grössten Fehler, den Firmen auf Social Media machen können. In den Dialog mit seinen Nutzern zu treten, Feedback ernst zu nehmen und im Optimalfall kreativ darauf zu reagieren, ist Pflicht. Nur so lernen Firmen ihre Zielgruppe kennen und können noch besser auf sie eingehen.
  4. Social Media ist kein Add-On für klassische Kampagnen
    Gerade im Marketingbereich wird Social Media oft dazu «missbraucht», klassische Kampagnen (aus Print und Online) zu streuen. Das ist falsch. Besser: Social Media ab Schritt 1 in die Planung einbeziehen und einen Redaktionsplan erstellen. So lässt sich verhindern, dass der kreative Content im Marketing-Einheitsbrei untergeht.
  5. ROI von Social Media? Setzt euch Ziele!
    Chef: «Was verdiene ich mit Social Media? Ich brauche ROI!» (Mimimi) Social-Media-Manager: «Gut hast du erkannt, dass Social Media nicht gratis ist. Aber wir müssen uns zuerst Ziele setzen, erst dann lässt sich der ROI berechnen. Das könnten zum Beispiel sein: Traffic für die Website, Branding, User Insights, Support oder Dialog.»
  6. Verankerung in Geschäftsprozessen
    Erstens: Bewusstsein für Social Media auf allen Ebenen des Unternehmens schaffen.
    Zweitens: In Organisation einbetten.
    Drittens: In Geschäftsprozesse integrieren.
    Viertens: Social Media als Teil der Unternehmensstrategie verstehen.
  7. Immer am Ball bleiben
    Die Social-Media-Welt verändert sich rasant. Es ist wichtig, ständig am Ball zu bleiben und neues auzuprobieren. Aktuell empfiehlt es sich mit WhatsApp (800 Mio. Nutzer; kommerzielle Nutzung derzeit untersagt), Facebook-Messenger (600 Mio.) und Snapchat (100 Mio.) zu experimentieren.

B wie Beautiful

Am Freitag titelte der Tagesanzeiger «Unterwegs in der B-Schweiz» und meinte damit die Stadt Winterthur, die sich seit 30 Jahren im Niedergang befinde. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls  Michael Soukup, der sich  sich aus privaten Gründen vermehrt in Winterthur aufhält. Warum das so ist, lässt er offen. Vielleicht hat er herausgefunden, dass in der Stadt die schönsten, schlausten und liebenswürdigsten Menschen der Schweiz wohnen und sich deshalb unverhofft in eine Beziehung reinmanövriert? Man weiss es nicht.

Die Krönung des Texts ist diese Passage:

Draussen vor dem Bahnhof eilen nicht asiatische Touristen, Rohstoffhändler oder Hipster wie in Luzern, Zug und Zürich umher. Es sind auffallend viele Arbeitslose, Alte und Alkoholiker, die hier im Weg stehen.

Solange also ein Banker, Versicherungsmensch oder jemand anderes mit Kravatte und Geld in der Tasche im Weg steht, ist es kein Problem. Im Gegenteil: Michael Soukup hält das sogar für eine gute Visitenkarte einer Stadt.

Für mich ist das Gegenteil der Fall: Städte, die Menschen ausgrenzen und verstecken – sie eigentlich am liebsten loswerden würden – sind verabscheuenswürdig. In Winterthur ist jeder willkommen und jede hat ihren Platz. Öffentliche Räume sind für alle da. Die Stadt steht auch nicht im Schatten von Zürich wie der Artikel behauptet. Sie steht weit über ihr, weil sie menschlich ist.

Warum sich Michael Soukup ein Ticket für das Spiel FC Winterthur – FC St. Pauli gekauft hat, erschliesst sich mir nicht. Das Spiel steht unter dem Motto «Friede, Freiheit, Fussball» – das Wort in der Mitte ist in Winterthur allgegenwärtig. Ganz im Gegensatz zu den Städten Luzern, Zürich und Zug, die der Autor in den höchsten Tönen lobt.

Das einzige, was stimmt, ist dass Winterthur zur B-Schweiz gehört. Allerdings nur dann, wenn das B für Beautiful steht.

Übersicht: Acht Blogposts zur Zukunft des Journalismus

Ein interessanter Querschnitt der globalen Medienszene traf sich während drei Tagen am GEN Summit in Barcelona. Unter dem Motto «Prototyping the Future of News» erzählten führende Medienmacher von ihren Erfahrungen. Ich durfte meinen Arbeitgeber, das Medienhaus der Migros, vor Ort vertreten. Danke dafür!

Mein persönlicher Rückblick und die Themen, die ich mit nach Hause nehme, im Überblick:

  1. Augmented Reality und Virtual Reality werden im Journalismus (schon bald?) eine wichtige Rolle spielen!
  2. Medienhäuser müssen dorthin, wo sich die User bewegen. Also auch auf Snapchat und die Smartwatch. Jetzt üben, bevors zu spät ist.
  3. Google Trends zeigt in Echtzeit, wer, wo, wonach sucht. Das bietet ein enormes Potential für DatenJournalismus.
  4. Darf oder muss es das Ziel von JournalistInnen sein, dass ihre Artikel «viral» gehen? Die Einschätzung und die Anleitung dazu.
  5. Was interessiert eigentlich unsere LeserInnen und wo konsumieren sie Medien? Die gross angelegte Reuters-Medienstude liefert Antworten.
  6. Lass dich inspirieren: Das waren die besten Datenjournalismus-Projekte des vergangenen Jahres!
  7. Was geht uns das Büpf oder das neue Nachrichtendienstgesetz an? Sehr viel. Journalisten dürfen (auch) Aktivisten sein und sich für mehr Freiheit einsetzen.
  8. Video? Ja klar, aber wie eigentlich? Die 10 wichtigsten Erfolgsfaktoren, damit die Zielgruppe klickt und bis zum Ende schaut.

10 Erfolgsfaktoren für Videos im Journalismus

Was muss ein Video bieten, damit es die Zielgruppe erreicht und von Anfang bis Ende angeschaut wird? Hier die zehn Erfolgsfaktoren aus den Häusern BBC, France 24 und Spon:

  1. Mobile first: Was für Texte gilt, gilt auch für Videos. Im Jahr 2015 müssen sie für Handybildschirme optimiert sein.
  2. Social second: Twitter, Facebook und Instagram nicht vergessen! Die eigene Marke muss auf diesen Kanälen mit Videos präsent sein.
  3. Konsum on the go: Videos müssen auch ohne Ton funktionieren, deshalb genügend Info-Text einblenden.
  4. Auf den Punkt: User sind sofort weg, wenn das Video nicht unterhält oder informiert. Eins von beidem muss in den ersten 3-5 Sekunden passieren.
  5. Je kürzer, desto besser: Kann eine Geschichte in einer Minute oder dreissig Sekunden erzählt werden? Dann tut es.
  6. Regelmässigkeit: Einmal pro Woche ein Video, nur weil man Zeit hat? Nützt nichts. Die User müssen sich daran gewöhnen, um zurückzukehren.
  7. Erklären, zeigen, anleiten: Was bedeutet der starke Franken, wie ist die Situation im Nahen Osten und wie funktioniert Windows 10? Mit diesen Themen kann nichts schiefgehen.
  8. Über den Text hinaus: Was bereits im Text steht, darf im Video nicht vorkommen. Dieses soll Zusatzinformationen liefern.
  9. Konsequentes Storytelling: Bei der Planung von Geschichten an Videos denken. Manchmal ist zeigen besser, als beschreiben.
  10. Interaktion fördern: User einbinden, wo immer es geht. Reaktionen auf Social Media und in der Kommentarspalte als Bild-in-Bild im Video zeigen.

Zum Teufel mit der Objektivität. Journalisten sollten auch Aktivisten sein.

Ist Objektivität nicht das höchste Gut im Journalismus? Dan Gillmor lacht. Nein, erstens sei das höchstens eine nette Idee, die in der Praxis aber nicht wirklich existiere, und zweitens gibt es Themen, in denen JournalistInnen nicht neutral sein dürfen.

Die Freiheit von BürgerInnen ist in Gefahr. Massenüberwachung wird salonfähig, weil sie Sicherheit vorgaukelt.

JournalistInnen sind auf Meinungsfreiheit, Pressefreiheit oder Redefreiheit angewiesen. Mit Überwachungssystemen, wie sie in der Schweiz unter anderem durch das Büpf und dem neue Nachrichtendienstgesetz eingeführt werden, ist diese Freiheit nicht mehr möglich.

Deshalb ist die Pflicht von JournalistInnen, sich zu engagieren. JournalistInnen müssen (auch) Aktivisten sein. Sie können:

  • Sich gegen Zensurierung einsetzen.
  • Gegen Gesetze wie das Büpf oder das NDG eintreten.
  • Engagement für Freiheit in allen Bereichen .
  • Ihre LeserInnen lehren, wie Verschlüsselung funktioniert.

Objektive Gründe gegen das Büpf und das NDG:

  • Die Vorlagen schränken unsere Freiheit ein und institutionalisieren Massenüberwachung.
  • Sie tragen nichts zur Sicherheit eines Landes bei, das zeigen terroristische Anschläge in Ländern, die bereits solche Gesetze haben.
  • Mehrere Gerichte in Europa erklärten die Vorratsdatenspeicherung für illegal, zuletzt Belgien.
  • Eingriffe in die persönliche Freiheit des Menschen widersprechen den Grundrechten und auch der Schweizer Verfassung.