
Die re:publica 2025 startete mit klaren Worten: Wer Technologie kontrolliert, kontrolliert auch Narrative und damit letztlich die Realität. In ihrer Eröffnungsrede warnten die Gründer der Konferenz, Markus Beckedahl, Andreas Gebhard und Johnny Häusler, vor den gesellschaftlichen Risiken der KI-Entwicklung.
Die Macht der Algorithmen
Künstliche Intelligenz würden sich zum Katalysator für Desinformation entwickeln, während Algorithmen zu «Türstehern der Wahrheit» würden. Diese Entwicklung mache alternative Plattformen wie Bluesky und Mastodon wichtiger denn je, so die Gründer. “Die Stärkung digitaler Unabhängigkeit steht im Zentrum der Diskussion um technologische Souveränität”, sagten sie.
Kritisch sehen die re:publica-Gründer ebneso die aktuellen Regulierungsansätze: Die erhoffte Hilfe durch EU-Regulierung greife nicht und wirke eher halbherzig. Hinter der Zurückhaltung stehe die Angst vor einem Handelskrieg mit den USA.
In der Hauptkeynote ordnete Professor Björn Ommer von der Universität München die aktuelle KI-Entwicklung historisch ein. Generative KI stehe auf einer Stufe mit bahnbrechenden Innovationen wie der Dampfmaschine, Elektrizität oder dem Personal Computer – “genau wie diese Technologien ermöglicht sie Millionen weitere Technologien, die darauf aufbauen”, so der Forscher, der unter anderem an der Entwicklung von Stable Diffusion beteiligt war.
KI beginnt zu menscheln
Diese fundamentale Bedeutung macht technologische Souveränität umso wichtiger. Das Bild, das Ommer zeichnet, trifft: Wenn beim Strom dieselbe Abhängigkeit wie bei KI bestünde, «könnten uns Dritte einfach den Saft abstellen. Dann ist es hier schnell kalt und dunkel», warnte Ommer vor einseitigen Abhängigkeiten bei KI. Er verdeutlichte die Relevanz der Technologie mit ihrem ökonomischen Potenzial: Jenes von KI entspreche etwa dem deutschen Bruttoinlandsprodukt.
Bemerkenswert sind die Ergebnisse aktueller Turing-Tests, die Ommer zeigte: Menschliche Testerinnen und Tester identifizierten KI in 73 Prozent der Fälle fälschlicherweise als Menschen – deutlich häufiger als echte Menschen korrekt erkannt worden seien. Parallel dazu würden Large Language Models in medizinischen Anwendungen mittlerweile eine bessere Qualität liefern und empathischer sein als menschliche Ärzte.
Das Oligopol-Problem
Die rasante Entwicklung von KI berge strukturelle Probleme: Innerhalb von fünf Jahren ist die Leistungsfähigkeit von KI-Modellen um den Faktor 15’000 gewachsen, führte Ommer aus. Das sei viel schneller als die Hardware-Entwicklung mithalten kann. Ebenso würden für die weiteren Trainings immer mehr qualitativ hochwertige Daten benötigt.
Folglich werde das Trainieren von KI-Modellen immer teurer und führe zu einer Konzentration auf wenige Akteure. «Wir befinden uns auf einem Weg, dass immer weniger Spieler dieses Spiel leisten können», analysiert Ommer die Entwicklung hin zu Oligopolen oder Monopolen.
Wer sind die hoffnungsträger?
Hoffnung machen laut Ommer Projekte wie Stable Diffusion (an dem er selbst beteiligt ist) und Deepseek, die durch cleveres Engineering kleinere, aber leistungsfähige Modelle entwickeln konnten – auch wenn sich beim chinesischen Anbieter die anfänglich kolportierten Zahlen zu den günstigen Trainings nicht bewahrheitet hätten. Dennoch würden diese Paradigmenwechsel ihm zufolge den Zugang zu generativer KI demokratisieren.
Die Zukunft der KI sieht Ommer in drei Bereichen: Multimodale Systeme Artificial General Intelligence (AGI) und Artificial Super Intelligence (ASI). Letztere würden am Ende intelligenter sein als ihre Programmiererinnen und Programmierer.
Der Mindset-Wandel
Ommer vergleicht die aktuelle Situation mit den Betreibern transatlantischer Dampfschiffe, die ihr Geschäft falsch verstanden hätten: Sie optimierten Schiffe, statt sich zu Flugzeugen zu transformieren. Ähnlich drohe bei KI die Gefahr, neue Technologie nur vor bestehende Prozesse zu spannen.
Nötig sei ein Wandel «vom zwei- zum dreidimensionalen Mindset» – so dramatisch wie der Übergang von der Telefonzelle zum Handy. Dies erfordere sowohl technologische Souveränität als auch entsprechende Expertise.
Persönliche Einschätzung
Die Keynote von Björn Ommer blieb insgesamt eher an der Oberfläche bekannter KI-Diskurse. Viele der präsentierten Punkte – von der historischen Einordung der KI bis hin zu Warnungen vor Manipulation und dem Verlust der Aufmerksamkeitsspanne – sind in der Fachwelt bereits breit diskutiert worden. Dasselbe gilt für die Worte in den Eröffungsreden der re:publica-Gründer.
Bemerkenswert fand ich jedoch Ommers Analyse der strukturellen Marktentwicklung: Die Erkenntnis, dass die exponentiell steigenden Kosten und Komplexität der KI-Entwicklung zwangsläufig zu einer Oligopolisierung (oder sogar zu einem Monopol) führen, verdient mehr Aufmerksamkeit. Dieser Aspekt macht die aktuellen Machtstrukturen in der Tech-Branche greifbarer und zeigt auf, warum digitale Souveränität und Unabhängigkeit zu den grossen Anbietern umso wichtiger ist.
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